Ma'at
Recht und Ordnung im Alten Ägypten

Sucht man im vorchristlichen Alten Ägypten nach Konzepten von Recht und Gerechtigkeit, Ordnung und Chaos, wird man sehr
schnell auf den Begriff Ma'at stoßen, der all dies, und noch weit mehr, zusammenfasst.

Dieses zentrale Konzept, über den sich beinahe die altägyptische Kultur als ganze und als spezifische Ausprägung einer antiken Kultur definieren
lässt, durchdringt entweder explizit oder implizit sämtliche auf Dauer gestellten Manifestationen staatlicher
oder privater Selbstpräsentationen.

Offizielle Verlautbarungen wie Inschriften und Darstellungen von Königen und Göttern, aber auch einen Platz im kollektiven Gedächtnis erheischende Selbstmitteilungen von den im Königsdienst stehenden Beamten, sind am Prinzip "Ma'at" orientiert.

Könige bekunden in der Rückschau ihre Orthopraxie von Ma'at, das Richtige und Angemessene getan zu haben, ganz gleich, worauf sich ihre Handlungen bezogen haben. Fehler bzw. Abweichungen von der Ma'at finden wir deshalb in derartigen "publizierten" Äußerungen so gut wie gar nicht: Ein zur unentwegten Praktizierung von Ma'at verpflichteter König oder Pharao ist ihr Garant und macht demzufolge keine Fehler. Wenn er als ihr oberster Hüter nicht für ihre Umsetzung sorgt, wer dann?

Der König ist der Mittler zwischen der Welt der Götter und der Welt der Menschen, seiner Untertanen. Als solchem kommen ihm klar umrissene Aufgaben wie ein Regierungsprogramm gleichsam zu. Vom Sonnen- und Schöpfergott Re zur Herrschaft beauftragt, lesen wir darin die folgenden Sätze:

Re hat den König eingesetzt auf der Erde der Lebenden für immer und ewig beim Rechtsprechen der Menschen, beim Befriedigen der Götter, beim Entstehenlassen der Ma'at, beim Vernichten der Isfet.

Er (der König) gibt Gottesopfer den Göttern und Totenopfer den Verklärten.

Der Name des Königs ist im Himmel wie (der des) Re.
Er lebt in Herzensweite wie Re-Harachte.
Die Edlen (unter den) Menschen jubeln, wenn sie ihn sehen.
Die Gewöhnlichen (unter den) Menschen machen ihm Ovationen in seiner Rolle des Kindes.

(Auszug aus dem Text "Der König als Sonnenpriester"; ca. 15. Jh. v. Chr.)

Zum Verständnis dieses zentralen Textes sind einige Erläuterungen angebracht. Das negative Gegenstück zur Ma'at ist die Isfet oder das Chaos, dessen Spannweite sich zwischen kosmischen und auf der Mikroebene auch interpersonellen Turbulenzen erstrecken kann. Die genannten "Verklärten" sind die ordnungsgemäß bestatteten und durch Riten ins Jenseits überführten Toten bzw. Totengeister. Die Götter Re und Re-Harachte sind zwei Aspekte desselben Gottes, letzterer besonders der Sonnengott in seiner als "Horizontischer" bei Sonnenaufgang wahrnehmbaren Gestalt. Die Menschen, und damit sind hier ganz konkret die Ägypter gemeint, werden in zwei Klassen, Vornehme und Gewöhnliche (vgl. lat. plebs) eingeteilt.

Der König wird abschließend als "Kind" des Sonnengottes und damit als von göttlicher Abkunft bezeichnet, lautet doch seit der 4. Dynastie (ca. 2600 v. Chr.) der 4. Titel seiner Gesamttitulatur geradezu "Sohn-des-Re" .

Die dem König obliegenden Aufgaben in Sachen Ma'at definiert der Text nun sehr präzise. Dazu gehören:

1. den Menschen, gleich welcher Klasse, Recht widerfahren zu lassen;

2. die Götter durch Opfer zufrieden zu stellen und damit zu "besänftigen", also ihren potentiellen Zorn unter Kontrolle zu halten;

3. die Ma'at ins Werk zu setzen durch das gleichzeitige Vernichten, Vertreiben oder zumindest auf Abstand halten ihres Antipoden, der Isfet, und

4. die Verstorbenen zu beopfern, d.h. den Toten ihre Versorgung in Gestalt einer Grabanlage nebst Versorgung für die Ewigkeit zukommen zu lassen.

Zur Durchsetzung der Ma’at ist der König vom Sonnengott "eingesetzt", d.h. er und damit sein Amt beziehen durch diese göttliche Investitur auch ihre Legitimation als in göttlichem Auftrag agierender Herrscher und waltende Instanz.
Ma'at ist damit eine Größe, die auf göttliches Geheiß ihre permanente Praxis in Wort und Tat erfordert, ihre Suspendierung, und sei es auch nur für einen Moment, ist nicht statthaft, weil sofort die Isfet in dieses geradezu kosmische Interregnum einfallen würde.

Dem zitierten Text kann des weiteren eine soziale Konstellation abgelesen werden, in deren Zentrum "erwartungsgemäß "der König steht: So wie dieser "nach oben" hin die Götter zufrieden zu stellen hat, indem er z.B. die Ma’at "aufsteigen lässt", wie es öfter heißt, genauso hat er sie "nach unten" hin zu praktizieren, indem er für Recht und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt. Der König praktiziert also in der Vertikalen zugleich eine Loyalität gegenüber den Göttern wie auch Solidarität gegenüber seinen Untertanen. Letztere haben ihm diese Solidarität durch Staats- und Königstreue in Form ihrer Loyalität zu vergelten.

Der König ist der Mittelpunkt, quasi das Nervenzentrum dieses Organismus von Ma'at-Praxis. Im Unterschied zum einmaligen Akt der Investitur des Königs durch den Sonnengott sind die Handlungen des Königs auf Wiederholung oder besser Inganghaltung der Welt durch seine Aktionen gestellt. Der einzige und wirklich Verantwortliche für die Durchsetzung der Ma'at ist also nicht der Gott, denn dieser hat diese Pflicht nur delegiert, sondern der König.

Tutanchamun und die geflügelte Göttin Ma'at
(Gegengewicht eines Pektorals aus dem Königsgrab; Äg. Museum Cairo JE 61941; Tutanchamun. Das Goldene Jenseits. Grabschätze aus dem Tal der Könige (Basel 2004), Nr. 71b)

Ganz so abstrakt sollten wir es aber auch nicht belassen, schließlich hat die ägyptische Neigung, Abstrakta zu personifizieren und zu divinisieren, dazu geführt, Ma'at auch als Göttin zu verehren. Als solche hat sie eine ganz ähnliche quasi-biologische und genealogische Beziehung zum Sonnengott Re, als sie dessen Tochter ist. Interessanterweise wird sie mit dem Herz des Gottes als dessen Denk- und Handlungszentrum verbunden, die Ma'at als Personifikation wird vielmehr in seiner Leber lokalisiert. Man könnte nun meinen, sie sei die "leibliche" Schwester des Königs, der ja "Sohn-des-Re" im 4. Titel heißt, doch ganz soweit sind die Theologen denn doch nicht gegangen.

Nirgends ist von ihr als "Schwester" oder umgekehrt vom König als ihrem "Bruder" die Rede. Es geht also nicht um biologische Abstammung, sondern um eine mehr ideelle Beziehung und Abkunft.
Nun werden wir uns die tatsächliche Praxis der Rechtsprechung gegenüber den Menschen nicht so vorzustellen haben, dass Pharao sich jedem Rechtsstreit persönlich angenommen hätte, und die Alten Ägypter waren ein äußerst streitlustiges Volk. Wie wohl alle Könige andernorts und zu anderen Zeiten hat er dafür seine Stellvertreter bzw. Fachleute. Neben seinem höchsten Beamten, dem Wesir, gibt es auf lokaler Ebene, also in den Provinzen, professionelle Sachwalter des Rechts, deren Titel wir z.T. sogar durch "Richter" übersetzen zu können glauben. Der Wesir hat im Idealfall, wenn der König sich am Amtssitz seines Oberrichters aufhält, allmorgendlich seinem Herrn Bericht zu erstatten über den "Zustand der Beiden Länder = Ober- und Unterägypten",, wie es in der Dienstordnung des Wesirs wörtlich heißt. Dabei können auch Rechtsstreitigkeiten zur Sprache kommen, von denen der Wesir meint, der König persönlich müsse darüber in Kenntnis gesetzt werden.

Fälle von allerhöchstem staatlichem Interesse wie innere Sicherheit oder Korruption auf höchster Ebene sind hier zu nennen. Korruption und Bestechung scheinen übrigens, trotz geringer expliziter Hinweise, ein Dauerproblem dargestellt haben.

Was wird im Vergleich zum König nun von seinen Untertanen an privater und öffentlicher Ma'at-Praxis erwartet? Hier müssen wir zunächst sozialstratigraphisch differenzieren in die im obigen Text erwähnten "Vornehmen" und die "Gewöhnlichen". Erstere meinen die literate und damit auch über unterschiedlich großes Machtpotential im Rahmen der Zivil- und Militärverwaltung verfügenden Schreiberbeamten. Bei entsprechend hoher Position innerhalb der Hierarchie nehmen sie die Stellung eines regelrechten Patrons ein, der neben seiner Familie als pater familias auch den Bediensteten vorsteht und für sie verantwortlich zeichnet.

Denn das Ideal ist die "weitergeleitete" Solidarität vom Patron im Gegenzug zur von "unten" erfahrenen Loyalität, sofern dieser Idealzustand gegeben ist. Ein Patron, ägyptisch "Herr" genannt, hat für seine Untergebenen zu sorgen, damit sie ihm buchstäblich nicht davonrennen. Wir wissen aus manchen Epochen von Landflucht und Arbeitsdienstverweigerung bei zu hoher Abgabenbelastung oder physischer Ausbeutung. Waren die eigentlichen Produzenten aber nicht mehr verfügbar, brach das Sozialgefüge im Beamtenhaushalt, aber auch die Bewirtschaftung der Tempelländereien, zusammen und die Ökonomie im Sinne von materieller Produktion und Dienstleistung wurde mehr oder minder stark gestört.

Abhängige sollen "so die buchstäbliche Übersetzung" nicht zu sehr "geschoren" werden, damit sie "auch im nächsten Jahr noch" mit ihrer Hände Arbeit das produzieren können, wovon u.a. der Patron und seine Familie ihre Subsistenz bestreiten. Ganz nebenbei: Desertiert ein Arbeitsverpflichteter, nimmt man seine Familie solange in Sippenhaft, bis er gefunden ist und bestraft werden kann. Die Ma'at in ihrem strafrechtlichen Aspekt kann also durchaus vom einzelnen straffällig und damit Ma'at-abweichenden werdenden Individuum mit erpresserischen Maßnahmen auf ihre Einhaltung pochen.

Der über Macht und Einkommen verfügende Patron preist sich nun nicht selten in seiner im eigenen Grabe angebrachten sog. Autobiographie z.B. derjenigen Wohltaten, die er Bedürftigen hat angedeihen lassen. Ein Standardrepertoire lautet:

Ich gab Brot dem Hungrigen,
Wasser dem Durstigen,
Kleider dem Nackten,
eine Fähre dem, der keine hatte.

Diese Selbstpreisung scheint aber nur solchen Beamten zugestanden zu werden, die auch tatsächlich Zugang zu den nötigen Ressourcen haben. Lange Zeit sind sie nämlich in der Ägyptologie als reine Phrasendrescherei gelesen worden, bis eine nähere Überprüfung des sozialen Hintergrundes solcher Sprecher uns eines Besseren belehrt hat.
Ma'at-Praxis in Wort und Tat, und dieser Konnex ist ein nach ägyptischer Ideologie unauflösbarer, kann bestenfalls sogar auf "Gegengaben" hoffen. Das bedeutet, so selbstlos Ma’at-Handeln auch sein kann, sie kann ihrerseits belohnt werden. Äußerungen wie die folgende machen das deutlich:

Der Lohn eines Handelnden liegt darin, dass für ihn gehandelt wird.
Das hält Gott für Ma'at.
(Inschrift des Kouml;nigs Neferhotep aus der 13. Dyn., ca. 1700 v. Chr.)

Zugegeben, das ist ein königlicher Text, aber ebenso gut hätte er in einer privaten Biographie stehen können und tut dies auch bisweilen, z.B. so:
Wer etwas Gutes tut, den belohnt der Gott.
(Cairo Stele Catalogue Générale 22054)

Sogar ein nubischer König auf dem Pharaonenthron macht sich diese Handlungstheorie und damit die ägyptische Gesellschaftstheorie zueigen, wenn er betört:

Wie schön ist es, zu handeln für den Handelnden.
Glücklich ist das Herz dessen, der handelt für den, der für ihn gehandelt hat.
(Taharqa in seinem Tempel in Kawa/Nubien; 690-669 v. Chr.)

Vorbildliches Handeln in Wort und Rede und damit Ma'at basiert also auf dem Prinzip der Reziprozität, es ist nicht ein- sondern zweidimensional, wie ein Bumerang kommt die Tat zum Täter zurück, sei sie nun positiv oder negativ. Dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang findet ja seine weitere ausführliche Diskussion in den weisheitlichen Texten des Alten Testamtents wie den sog. Proverbien Salomonis, ja begegnet dort in bisweilen in nur geringfügig überarbeitetem ägyptischen Gewande (Prov. 22,17-24,22 z.B.).

Bei der praktischen Rechtsprechung würden wir nun erwarten, dass dabei auf kodifiziertes Recht zurückgreift, m.a.W., dass man im Bedarfsfalle nur an einschlägiger Stelle in einem Kodex oder einer ähnlichen Rechtssatzung nachzuschauen braucht. Im Unterschied zum Alten Orient im Zweistromland, das solche Kodizes schon seit dem frühen 3. Jahrtausend kennt, ist diese Textsorte im Alten Ägypten ein ausgesprochener Spätling. Das zwar seit uralter Zeit bekannte ägyptische Wort hep wurde lange Zeit in der Ägyptologie voreilig durch "Recht; Gesetz (in kodifizierter Form)" übersetzt und verstanden, aber seine Grundbedeutung bleibt bis zum Ende der pharaonischen Geschichte "Brauch; Sitte". Dessen ungeachtet sind aber Einzelfallregelungen bekannt, die bisweilen regelrecht archiviert und bei Bedarf noch nach Generationen aus dem Archiv geholt werden, um sich an ihnen zu orientieren, wie eine eventuell veränderte Rechtslage nun zu entscheiden ist. Wo genau ein solches Archiv zu lokalisieren ist, wissen wir nicht, vielleicht wurden solche Rechtsentscheidungen wie Prozessurteile in schriftkundigen Kreisen sogar innerhalb der Familie verwahrt.

Rechtshistorisch lässt sich inzwischen feststellen, dass kodifizierte Sammlungen von kasuistischen Rechtsfällen nebst Kommentaren zu Studienzwecken eindeutig identifiziert sind.

Wir dürfen mit der Existenz regelrechter Kodizes spätestens seit der Saitenzeit (7.-6. Jh. v. Chr.) rechnen, und der Perserkönig Darius I. hat nachweislich 519 v. Chr. ältere ägyptische Gesetze abschreiben und sogar ins Aramäische, die damalige lingua franca aller persischen Satrapien, übersetzen lassen. Von daher gesehen ist Ägypten seit dieser Zeit kein "gesetzloses" Land mehr, das eben diese Praxis der Kodifizierung nicht gekannt habe.

Diese Gesetze und ihre Kommentare sind des weiteren auch von den griechischen Okkupatoren und ihren Veraltern zur Kenntnis genommen worden, indem man die Texte ins Griechische hat übersetzen lassen. Spuren ihres praktischen Gebrauchs reichen bis in die römische Kaiserzeit.

Prof. Dr. Hans-W. Fischer-Elfert

Leipzig



Prof. Dr. Dieter Kurth
Universität Hamburg - Archäologisches Institut

OASENMANN



Dr. Wafaa el Saddik
Director
Nationalmuseum Cairo

MAAT




PROF. DR. DR. h.c. HANS-JÜRGEN PAPIER
Präsident des Bundesverfassungsgerichts

Bundesverfassungsgericht
Schloßbezirk 3
76131 Karlsruhe